Depressionen in der Menopause
20. Januar 2026
Östrogen und Depressionen haben eine komplexe, bidirektionale Beziehung - Östrogen beeinflusst die Stimmung massiv, und Schwankungen können depressive Symptome auslösen:
Neurotransmitter-Regulation:
Östrogen greift direkt in die Systeme ein, die für Stimmung zentral sind. Es erhöht die Verfügbarkeit von Serotonin durch mehrere Mechanismen: Es stimuliert die Synthese von Tryptophanhydroxylase (das Enzym, das Serotonin produziert), hemmt den Abbau von Serotonin durch Monoaminoxidase (MAO), erhöht die Dichte von Serotoninrezeptoren und verbessert die Bindung von Serotonin an seine Rezeptoren. Ähnlich wirkt es auf Dopamin und Noradrenalin - die anderen wichtigen "Stimmungshormone".
Phasen erhöhter Vulnerabilität: Es gibt drei Lebensphasen, in denen Frauen besonders anfällig für Depressionen sind - und alle haben mit dramatischen Östrogenschwankungen zu tun:
Prämenstruell (PMDS):
Prämenstruelle dysphorische Störung betrifft 3-8% der Frauen. In der zweiten Zyklushälfte fällt Östrogen ab, während Progesteron steigt. Manche Frauen reagieren besonders sensitiv auf diese Veränderung mit schweren Stimmungseinbrüchen, Reizbarkeit, Angst.
Postpartal:
10-15% der Frauen entwickeln postpartale Depressionen. Während der Schwangerschaft sind Östrogen und Progesteron extrem hoch - nach der Geburt stürzen sie innerhalb von Stunden ab. Dieser massive hormonelle Absturz ist ein biologischer Trigger für Depression bei vulnerablen Frauen.
Perimenopause/Menopause:
Das Risiko für erstmalige Depressionen verdoppelt bis verdreifacht sich in der Perimenopause - der Phase der unregelmäßigen, chaotischen Hormonschwankungen vor der finalen Menopause. Interessanterweise sind nicht die niedrigen Östrogenspiegel per se das Problem, sondern die Instabilität und Unvorhersagbarkeit.
BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor):
Östrogen erhöht die Produktion von BDNF, einem Wachstumsfaktor für Nervenzellen, besonders im Hippocampus (wichtig für Gedächtnis und Emotionsregulation). BDNF fördert Neuroplastizität - die Fähigkeit des Gehirns, sich anzupassen und zu regenerieren. Niedrige BDNF-Spiegel sind mit Depression assoziiert. Östrogenmangel senkt BDNF.
HPA-Achse: Die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse
reguliert die Stressantwort. Östrogen moduliert diese Achse und die Cortisol-Reaktion. Bei Östrogenmangel kann die HPA-Achse dysreguliert werden, was zu chronisch erhöhtem Cortisol führt - ein bekannter Risikofaktor für Depression.
Entzündung: Depressionen sind oft mit erhöhten Entzündungsmarkern assoziiert (erhöhtes CRP, IL-6, TNF-alpha). Östrogen wirkt entzündungshemmend im Gehirn. Nach der Menopause steigt die Neuroinflammation - das könnte zu depressiven Symptomen beitragen.
Hippocampus-Volumen:
Studien zeigen, dass Östrogen das Volumen des Hippocampus erhält. Bei Depressionen ist oft eine Hippocampus-Atrophie zu beobachten. Postmenopausale Frauen zeigen beschleunigten Hippocampus-Volumenverlust.
Schlaf: Östrogenmangel führt oft zu Schlafstörungen (Hitzewallungen, Nachtschweiß stören den Schlaf; auch direkte Effekte auf Schlafregulation). Chronischer Schlafmangel ist ein massiver Risikofaktor für Depression. Viele perimenopausale Depressionen sind teilweise schlafbedingt.
GABAerges System:
GABA ist der wichtigste hemmende Neurotransmitter und wirkt anxiolytisch (angstlösend). Östrogen moduliert GABA-Rezeptoren. Schwankungen können zu Angst und Dysphorie führen.
Individuelle Sensitivität:
Nicht alle Frauen reagieren gleich. Manche haben eine erhöhte Sensitivität gegenüber Hormonschwankungen - möglicherweise genetisch bedingt. Frauen, die bereits in der Vorgeschichte auf hormonelle Veränderungen mit Stimmungssymptomen reagiert haben (PMDS, postpartale Depression), haben ein höheres Risiko für perimenopausale Depressionen.