Frauen 45 + im Arbeitsleben
Die unsichtbare Krise
Wenn hormonelle Veränderungen auf toxische Arbeitsbedingungen treffen
Ein blinder Fleck im Arbeitsschutz
Über Burnout wird gesprochen. Über psychische Belastung am Arbeitsplatz wird diskutiert. Über Gleichstellung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Altersarmut – all das findet zunehmend Beachtung.
Doch ein Thema bleibt im beruflichen Kontext weitgehend tabu: die Wechseljahre.
Dabei betreffen sie die Hälfte der Bevölkerung. Und sie fallen in eine Lebensphase, in der viele Frauen auf dem Höhepunkt ihrer beruflichen Karriere stehen – erfahren, kompetent, unverzichtbar.
Doch genau in dieser Phase verändert sich der Körper fundamental. Und wenn diese Veränderungen auf hohe berufliche Belastung, mangelnde Unterstützung oder toxische Arbeitsbedingungen treffen, kann das verheerende Folgen haben.
Was in den Wechseljahren passiert – körperlich und psychisch
Die Wechseljahre (Klimakterium) sind keine Krankheit, sondern eine natürliche hormonelle Umstellung, die bei Frauen typischerweise zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr eintritt.
Die körperlichen Symptome sind vielfältig:
- Hitzewallungen und Schweißausbrüche (oft mehrmals täglich, auch nachts)
- Schlafstörungen (durch nächtliche Hitzewallungen oder hormonell bedingte Unruhe)
- Konzentrationsschwierigkeiten und „Brain Fog" (kognitive Beeinträchtigungen)
- Stimmungsschwankungen (von Reizbarkeit bis depressiven Verstimmungen)
- Erschöpfung und reduzierte Belastbarkeit
- Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen, Herzrasen
Diese Symptome sind nicht eingebildet. Sie sind hormonell bedingt – vor allem durch den sinkenden Östrogenspiegel. Und sie können die Arbeitsfähigkeit massiv beeinträchtigen.
Die doppelte Belastung: Wechseljahre + toxische Arbeitsbedingungen
Eine Frau, die diese Phase durchläuft, braucht eigentlich:
- Ausreichend Schlaf (um den Körper bei der Umstellung zu unterstützen)
- Reduzierter Stress (Stresshormone verstärken Wechseljahresbeschwerden)
- Verständnis und Flexibilität (an manchen Tagen geht es besser, an anderen schlechter)
- Möglichkeit zur Regeneration
Was viele Frauen stattdessen erleben:
- Chronische Überlastung (zu viel Arbeit für zu wenige Personen)
- Hoher Dauerstress (ohne Pausen, ohne Erholung)
- Keine Rücksicht auf körperliche Bedürfnisse (keine Möglichkeit, bei Hitzewallungen kurz rauszugehen, kein Verständnis für Konzentrationsprobleme)
- Druck, zu funktionieren („Stell dich nicht so an", „Das geht uns allen so")
Diese Kombination ist toxisch.
Beispiel 1: Pflege - Schichtarbeit trifft Wechseljahre
Eine 52-jährige Pflegekraft arbeitet seit 20 Jahren im Krankenhaus. Wechselnde Schichten, körperlich anstrengende Arbeit, hohe emotionale Belastung durch schwerkranke Patienten.
Mit Beginn der Wechseljahre kommen nächtliche Hitzewallungen hinzu – der Schlaf ist gestört, die Erholung fehlt. Gleichzeitig nehmen die Konzentrationsprobleme zu, was in einem Beruf mit hoher Verantwortung (Medikamentengabe, Patientenüberwachung) besonders belastend ist.
Die Nachtschichten werden zur Qual: Erschöpfung, Stimmungsschwankungen, das Gefühl, "nicht mehr mitzukommen".
Ihre Vorgesetzte sagt: "Wir brauchen dich in allen Schichten. Wenn du das nicht mehr schaffst, bist du vielleicht nicht mehr geeignet."
Ergebnis: Burnout. Krankschreibung. Erwägung, den Beruf aufzugeben – nach 20 Jahren.
Das Problem: Nicht die Frau ist "nicht mehr geeignet", sondern das starre Schichtsystem berücksichtigt keine hormonell bedingten Veränderungen. Flexible Schichtmodelle, Entlastung bei Nachtdiensten oder zeitweise Freistellung von besonders belastenden Diensten wären möglich – werden aber nicht angeboten.
Beispiel 2: Einzelhandel - Dauerstress und fehlende Rückzugsmöglichkeiten
Eine 48-jährige Verkäuferin arbeitet in einem großen Modegeschäft. Ständiger Kundenkontakt, langes Stehen, Hektik bei Stoßzeiten.
Die Wechseljahre bringen heftige Hitzewallungen – mehrmals pro Stunde. Im klimatisierten, gut besuchten Laden kann sie nicht einfach "kurz raus". Die Uniformbluse klebt am Körper, das Gesicht ist rot, Kundinnen fragen: "Ist Ihnen nicht gut?"
Pausen gibt es kaum – personelle Unterbesetzung. Die jüngeren Kolleginnen können das nicht nachvollziehen: "Stell dich nicht so an, uns ist auch heiß."
Die Erschöpfung steigt, die Konzentration sinkt. Fehler an der Kasse häufen sich. Die Filialleitung moniert: "Sie sind unaufmerksam geworden."
Ergebnis: Abmahnung. Druck. Kündigung wird angedeutet.
Das Problem: Keine Rückzugsmöglichkeit bei akuten Beschwerden, keine Flexibilität, kein Verständnis. Lösungen wie kurze Auszeiten, ein Rückzugsraum oder flexible Pausenregelungen wären einfach – werden aber als "Sonderwünsche" abgetan.
Beispiel 3: Büroarbeit - Kognitive Überforderung
Eine 54-jährige Projektmanagerin leitet komplexe IT-Projekte. Jahrelang war sie die "Feuerwehrfrau" – hochkonzentriert, multitaskingfähig, belastbar.
Mit den Wechseljahren kommt der "Brain Fog": Konzentrationsschwierigkeiten, Vergesslichkeit, das Gefühl, "neben sich zu stehen". In Meetings verliert sie den Faden. E-Mails müssen mehrfach gelesen werden, um den Inhalt zu erfassen.
Dazu kommen Schlafstörungen – nachts stundenlang wach, morgens wie gerädert. Die Arbeit, die früher leichtfiel, wird zur Anstrengung.
Ihr Vorgesetzter bemerkt: "Ihre Leistung hat nachgelassen. Sie wirken nicht mehr so engagiert wie früher."
Sie traut sich nicht, die Wechseljahre zu erwähnen – aus Angst, als "nicht mehr leistungsfähig" abgestempelt zu werden.
Ergebnis: Selbstzweifel. Überanstrengung (um "mitzuhalten"). Erschöpfungsdepression.
Das Problem: Tabuisierung. Keine offene Kommunikation über normale hormonelle Veränderungen. Flexibilität (z.B. Home-Office an schlechten Tagen, reduzierte Meeting-Last) wäre hilfreich – wird aber nicht thematisiert.
Beispiel 4: Sozialarbeit - Emotionale Belastung potenziert
Eine 50-jährige Sozialarbeiterin betreut Familien in Krisensituationen. Emotional hochbelastende Arbeit – Kinderschutzfälle, häusliche Gewalt, Suchtproblematik.
Die Wechseljahre bringen Stimmungsschwankungen: An manchen Tagen ist sie nah am Wasser gebaut, Klientengespräche gehen "näher" als früher. Die emotionale Regulationsfähigkeit ist reduziert – hormonell bedingt.
Gleichzeitig steigt die Fallzahl: Personalmangel, mehr Fälle pro Sozialarbeiterin. Keine Supervision, keine Entlastung.
Sie merkt: "Ich kann das nicht mehr so abfedern wie früher." Die Erschöpfung ist überwältigend.
Eine Kollegin sagt: "Du bist so dünnhäutig geworden." Die Leitung: "Wenn Sie das nicht mehr schaffen, müssen wir über Ihre Eignung reden."
Ergebnis: Schuldgefühle ("Ich lasse die Familien im Stich"). Überarbeitung. Zusammenbruch.
Das Problem: Emotionale Arbeit + hormonelle Vulnerabilität + fehlende Unterstützung = toxische Mischung. Supervision, reduzierte Fallzahlen oder Möglichkeit zum Jobsharing wären sinnvoll – werden aus Budgetgründen abgelehnt.
Warum Frauen 45+ besonders gefährdet sind
Studien zeigen: Frauen in den Wechseljahren haben ein erhöhtes Risiko für Burnout und Depression – besonders wenn sie beruflich stark belastet sind.
Die Gründe:
1. Hormonelle Vulnerabilität
Östrogen wirkt als natürlicher Stimmungsstabilisator und beeinflusst Stressresilienz. Wenn der Östrogenspiegel sinkt, wird der Körper anfälliger für Stressoren.
2. Kumulierte Belastung
Viele Frauen 45+ tragen mehrfache Lasten:
- Beruflich: Oft in verantwortungsvollen Positionen (oder in prekären Jobs ohne Aufstiegschancen)
- Familiär: Pflege alternder Eltern („Sandwich-Generation") + eventuell noch Kinder/Jugendliche zu Hause
- Gesellschaftlich: Unsichtbarkeit und Abwertung älterer Frauen („zu alt", „nicht mehr attraktiv")
3. Fehlende Unterstützung
Über Wechseljahre wird im beruflichen Kontext nicht gesprochen. Frauen schweigen aus Scham oder Angst vor Diskriminierung. Arbeitgeber bieten keine spezifische Unterstützung.
4. Prekäre Arbeitsverhältnisse
Viele Frauen 45+ arbeiten in Bereichen mit hoher Belastung und niedriger Wertschätzung:
- Pflege
- Sozialarbeit
- Einzelhandel
- Reinigung
- Gastronomie
Dort sind die Arbeitsbedingungen oft ohnehin schlecht – kombiniert mit Wechseljahresbeschwerden wird es unerträglich.
Das Problem: Individualisierung statt Strukturänderung
Wenn eine Frau in den Wechseljahren unter den Arbeitsbedingungen zusammenbricht, wird das Problem individualisiert:
„Sie ist nicht mehr belastbar."
„Sie kann den Anforderungen nicht mehr gerecht werden."
„Sie ist zu sensibel geworden."
Die strukturellen Ursachen werden ignoriert:
- Ist die Arbeitsbelastung objektiv zu hoch?
- Gibt es ausreichend Unterstützung?
- Gibt es Möglichkeiten zur Anpassung (Flexibilität, Entlastung, Verständnis)?
Stattdessen wird die Frau zum Problem erklärt – und oft entlassen oder gedrängt, selbst zu gehen.
Was Arbeitgeber tun müssten
Arbeitsschutz umfasst laut Gesetz auch psychische Gefährdungsbeurteilung (§ 5 Arbeitsschutzgesetz). Das schließt theoretisch auch geschlechtsspezifische und altersbedingte Faktoren ein.
In der Praxis passiert das selten.
Was Arbeitgeber konkret tun könnten:
1. Das Thema enttabuisieren
- Wechseljahre als normalen Teil des Arbeitslebens anerkennen
- Schulungen für Führungskräfte (Verständnis für hormonelle Veränderungen)
- Offene Kommunikation ermöglichen (ohne Stigmatisierung)
2. Flexible Arbeitsbedingungen
- Flexible Arbeitszeiten (bei Schlafproblemen später beginnen können)
- Home-Office-Möglichkeiten (Rückzug bei Hitzewallungen)
- Angepasste Schichtmodelle (in Pflege/Gastronomie: weniger Nachtschichten)
- Reduzierte Arbeitszeit (Teilzeit als Option ohne Karrierenachteil)
- Ruhezonen (Möglichkeit, sich kurz zurückzuziehen)
3. Belastungsreduzierung
- Realistische Arbeitsmengen (nicht chronische Überlastung)
- Unterstützung durch zusätzliches Personal
- Entlastung in besonders fordernden Phasen
4. Gesundheitsförderung
- Betriebliches Gesundheitsmanagement mit Fokus auf Frauen 45+
- Angebote: Yoga, Entspannungstechniken, Ernährungsberatung
- Zugang zu medizinischer Beratung (z.B. zu Hormontherapie)
- Informationsveranstaltungen zum Thema Wechseljahre
5. Wertschätzung statt Abwertung
- Erfahrung und Kompetenz älterer Mitarbeiterinnen anerkennen
- Keine Diskriminierung aufgrund des Alters
- Langfristige Perspektiven bieten
6. Praktische Anpassungen
- Klimatisierung/Belüftung in Arbeitsräumen
- Zugang zu kaltem Wasser
- Flexible Pausenregelungen
- Rückzugsräume für kurze Erholungspausen
Was Betroffene tun können
Wenn Sie eine Frau 45+ sind und sich in einer überlastenden Arbeitssituation befinden:
1. Erkennen Sie, dass es nicht Ihre Schuld ist
- Wenn die Arbeitsbedingungen objektiv belastend sind, dann ist das System das Problem – nicht Ihre „mangelnde Belastbarkeit".
- Wechseljahresbeschwerden sind hormonell bedingt und real. Sie sind keine Einbildung, keine Schwäche.
2. Holen Sie sich medizinische Unterstützung
- Sprechen Sie mit Ihrer Gynäkologin / Ihrem Hausarzt über Wechseljahresbeschwerden
- Optionen: Hormontherapie, pflanzliche Mittel, Lebensstiländerungen
- Wichtig: Ärztliches Attest mit Kausalzusammenhang („Arbeitsbedingungen verstärken Beschwerden")
3. Dokumentieren Sie die Belastungen
- Konkrete Beispiele (Schichtpläne, Arbeitszeiten, fehlende Pausen)
- Gesundheitliche Auswirkungen (Schlafstörungen, Hitzewallungen während Arbeit, Erschöpfung)
- Vorgeschlagene Lösungen und deren Ablehnung
4. Fordern Sie Anpassungen
- Sprechen Sie das Thema offen an (wenn möglich – verstehen Sie, wenn Sie Angst haben)
- Im BEM (Betriebliches Eingliederungsmanagement): Wechseljahre als Faktor benennen
- Schlagen Sie konkrete, umsetzbare Lösungen vor (Flexibilität, Entlastung)
5. Suchen Sie Verbündete
- Gibt es andere Frauen 45+ im Betrieb? Vielleicht geht es ihnen ähnlich?
- Betriebsrat, Gewerkschaft, Gleichstellungsbeauftragte
- Austausch in Selbsthilfegruppen oder Online-Foren
6. Schützen Sie Ihre Gesundheit
Wenn der Arbeitgeber keine Änderungen vornimmt:
- Gehen ist keine Niederlage, sondern Selbstschutz.
- Ihre Gesundheit ist wichtiger als jeder Job.
- Es gibt andere Arbeitgeber – bessere.
7. Holen Sie sich rechtlichen Rat
- VdK, Gewerkschaft, Fachanwalt für Arbeitsrecht
- Prüfen Sie: Schadensersatz, Kündigungsschutz, Meldung an Arbeitsschutzbehörde
- Altersdiskriminierung ist verboten (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz)
Ein gesellschaftliches Problem
Das Thema „Frauen 45+ im Arbeitsleben" ist nicht nur ein individuelles, sondern ein strukturelles Problem:
- Demografischer Wandel: Die Gesellschaft altert. Immer mehr Frauen 45+ sind im Arbeitsleben – und werden es noch länger sein (Rente mit 67+).
- Fachkräftemangel: Arbeitgeber können es sich nicht leisten, erfahrene Mitarbeiterinnen zu verlieren.
- Gleichstellung: Wenn Frauen in den Wechseljahren systematisch aus dem Arbeitsleben gedrängt werden, ist das eine Form von Altersdiskriminierung und Geschlechterdiskriminierung.
- Altersarmut: Frauen, die mit 50+ aus dem Beruf ausscheiden, haben oft deutlich geringere Rentenansprüche.
Es braucht:
- Politische Aufmerksamkeit (Wechseljahre als Arbeitsschutzthema)
- Forschung (Wie können Arbeitsbedingungen für Frauen 45+ verbessert werden?)
- Öffentliche Diskussion (Enttabuisierung)
- Konkrete Maßnahmen (von Arbeitgebern, Krankenkassen, Politik)
- Vorbilder (Unternehmen, die es richtig machen)
Positive Beispiele: Es geht auch anders
Einige – leider noch wenige – Unternehmen und Organisationen haben das Thema erkannt:
- Britische Polizei: Führte Richtlinien für Frauen in den Wechseljahren ein (flexible Uniformen aus atmungsaktivem Material, Zugang zu Ventilatoren, flexible Pausenregelungen)
- Einzelne deutsche Unternehmen: Bieten Informationsveranstaltungen, Beratung durch Betriebsärzte, flexible Arbeitszeitmodelle
- Krankenkassen: Beginnen, das Thema in betriebliche Gesundheitsprogramme aufzunehmen
Das sind erste Schritte – aber es braucht mehr.
Fazit: Das Schweigen brechen
Millionen von Frauen in Deutschland durchleben die Wechseljahre – viele davon im Beruf. Für viele ist es eine Zeit der Verunsicherung, der körperlichen Beschwerden, der emotionalen Achterbahn.
Wenn diese Phase auf toxische Arbeitsbedingungen trifft – hohe Belastung, kein Verständnis, keine Flexibilität – kann das in Burnout, Depression und langfristiger Arbeitsunfähigkeit enden.
Das ist vermeidbar.
Aber nur, wenn:
- Arbeitgeber Verantwortung übernehmen
- Gesellschaft das Thema enttabuisiert
- Betroffene ihre Stimme erheben
- Politik handelt
Frauen in den Wechseljahren sind nicht „zu alt", nicht „zu sensibel", nicht „nicht mehr belastbar".
Sie sind erfahren, kompetent und wertvoll – und verdienen Arbeitsbedingungen, die ihre Gesundheit schützen statt sie zu zerstören.
Es ist Zeit, hinzuschauen.
Es ist Zeit, zu handeln.
Es ist Zeit, das Schweigen zu brechen.